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Ein DED-Projekt in Namibia als Stätte der Versöhnung .  

"Ich bin ein  Herero, und darauf bin ich stolz"
Ein seltsamer Kontrast - der junge Mann mit dem modischen Haarschnitt im knallroten T-Shirt vor einem überlebensgroßen Portrait von Samuel Maharero, dem Führer des Aufstands der Herero gegen die deutsche Kolonialmacht. Das Gemälde mit Goldrahmen im Stil der alten Meister ist der attraktive Hintergrund für das Interview, das das staatliche Fernsehen NBC (Namibian Broadcasting Corporation) mit dem jungen Herero Nelson Kaure führt. Der Ort: das Büro des Kulturzentums Okakarara, ein DED-Projekt mit dem etwas umständlichen Namen "Okakarara Community Cultural and Tourism Centre" (OCCTC). Die Zeit: der Abend des 14. August, jenem Tag, an dem mehrere Tausend Herero auf dem Gelände des Kulturzentrums des 100. Jahrestages der Schlacht am Waterberg und des Vernichtungsbefehls des deutschen Generals von Trotha gedachten.
 "Welche Botschaft möchtest Du den Jugendlichen in Namibia und in der ganzen Welt gerade am heutigen Tag übermitteln?" fragt der Fernsehredakteur. Nelson Kaure nimmt feierlich Haltung an: "Gebt nicht vor, etwas anderes zu sein. Steht zu dem was Ihr seid. Ich jedenfalls bin ein Herero, und darauf bin ich stolz." Die vielen Menschen, die sich neugierig in das Büro gedrängt haben, um den Interviews zu lauschen, klatschen Beifall.
Bild vergrößern:Frau Wieczorek-Zeul bei der Gedenkfeier.
Ministerin Wieczorek-Zeul auf dem Weg zur Gedenkfeier.
Dies ist ein historischer Tag - nicht nur für die Herero. Wenige Stunden zuvor hatte sich die deutsche Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul, in einer bewegenden Gedenkfeier vor Tausenden von Teilnehmern im Namen der Bundesregierung für den Völkermord entschuldigt, den die deutschen Schutztruppen an den  Herero begangen haben. Damit erfüllte sich eine jahrelange Forderung dieser Bevölkerungsgruppe. Ihre beeindruckende Rede war eine politische Sensation, die den kleinen Ort Okakarara am Fuße des Waterbergs mit einem Schlag nicht nur in die nationalen und die deutschen Medien brachte. "Forgive us, says Germany" (Vergebt uns, sagt Deutschland) titelte in großen Lettern der "Namibian", die bedeutendste Zeitung des Landes.  Der US-Fernsehsender CNN strahlte die Nachricht von der deutschen Entschuldigung rund um die Welt aus.
 
Was in den politischen Artikeln kaum Erwähnung fand: Die deutsche Ministerin und der namibische Landminister Hifikepunye Pohamba, der auch Kandidat der regierenden SWAPO-Partei für die Präsidentschaftswahlen im kommenden November ist, hatten am Rande der Gedenkfeier  auch das Okakarara-Zentrum eröffnet, ein vom DED getragenes Projekt, das bisher ausschließlich von deutschen Institutionen (Auswärtiges Amt, Bundesentwicklungsministerium) finanziert wird. Das Zentrum soll von deutscher Seite auch eine  Geste der Versöhnung sein. Bis vor kurzem war der Herero-Aufstand weitgehend vergessen oder verdrängt, erst im Gedächtnisjahr 2004 wurde zum ersten Mal offen darüber diskutiert. Die Gedenkfeier vom 14. August bildete einen Höhepunkt dieser Diskussionen.
Für Okakarara ein bisher einmaliges Ereignis. Noch nie hatte die staubige, schmutzige Stadt mit ihren etwa 10 000 Einwohnern, von denen fast drei Viertel arbeitslos sind, so viele Besucher angezogen. Denn eigentlich gibt es in der "Hauptstadt des Hererolandes" nur eines im Überfluss - Schnapsläden, Bars und schmuddlige Bierkneipen, aus denen abends laute Musik dröhnt. Gerade die jungen Leute, die in Okakarara eine Oberschule mit Internat oder ein berufliches Ausbildungszentrum besuchen, haben kaum eine Chance, später eine Anstellung zu finden. Einer der traditionellen Führer, Häuptling David Kambazembi, drückte es kürzlich drastisch aus: "Seitdem uns die Deutschen unser Land, unsere Kühe und damit unsere Kultur und großen Teilen unserer Vorfahren auch das Leben  genommen haben, leben wir hier wie auf einem Friedhof."

Eine Initiative der örtlichen Industrie- und Handelskammer, einer winzigen Organisation, hatte vor ein paar Jahren versucht, diesen "Friedhof" durch die Gründung eines Kulturzentrums zu beleben. Nach wenigen Monaten versickerte dieser verzweifelte Versuch buchstäblich im Sande - es gab nicht  einmal einen Wasseranschluss.
 
Seit Februar gibt es nun auf elf Hektar kommunalem Grundstück mit Unterstützung des DED einen neuen Anlauf. Im Beirat sitzen Vertreter der Region, der Gemeinde Okakarara, der örtlichen Handelskammer, der deutschen Botschaft in Namibia und der DED. Ein "Task-Team" (Lehrer, Pfarrer, Frauen- und Jugendvertreter aus Okakarara) trifft sich jede Woche, um gemeinsam mit den beiden Mitarbeitern des Zentrums, einem einheimischen Projektmanager und einer Entwicklungshelferin, die Arbeit voranzutreiben.

Ziel des Projektes ist es unter anderem, neue Einkommensmöglichkeiten zu schaffen, zum Beispiel durch den Verkauf von örtlich produziertem Kunsthandwerk. Touristen aus dem In- und Ausland, die auf einem kleinen Campingplatz und später auch in traditionellen Rundhütten übernachten können, sollen angelockt werden. Mit regelmäßigen Veranstaltungen will das Zentrum aber auch das Geschichts- und Kulturbewusstsein der einheimischen Bevölkerung beleben und eine Stätte für Begegnungen der verschiedenen Kulturen im Vielvölkerstaat Namibia schaffen. Die ersten Lehrer aus Hannover haben schon ihr Interesse an Schulpartnerschaften angemeldet. Im nächsten Jahr soll ein Workcamp für deutsche und Herero-Jugendliche organisiert werden.
Bild vergrößern: Die Eröffnung des Kulturinstituts.
Die Eröffnung des Kulturinstituts.
Die Voraussetzungen für solche Pläne sind günstig. In nur drei Monaten entstanden auf dem weitläufigen Gelände ein leuchtend rostrotes Verwaltungsgebäude, ein senfgelb gestrichener Wasserturm mit Aussichtsplattform, ein Campingplatz mit zwei Blocks mit Toiletten und Duschen. Gegenüber einer großen Bühne gibt es in einem Halbkreis 500 Sitze für Zuschauer. Geplant sind ein traditionelles Hüttendorf und ein Museum, in dem die Geschichte und Kultur der Herero dargestellt wird.
Neben den 40 Arbeitern, die das Kulturzentrum in knapp sechs Monaten gebaut haben, leisteten Bewohner von Okakarara freiwillige Arbeit. Zum Beispiel Nelson Kaure mit seiner Gruppe "Jugendliche gegen das Verbrechen". Die Jugendlichen schleppten rote Waterbergsteine, um den großen Parkplatz zu markieren, sie hoben Gruben für den Abfall aus und reinigten das Gelände nach der Riesenfeier. Ihr Lohn war ein tägliches Mittagessen aus Maismehl und Fleisch, das sie sich selbst in den in Namiba üblichen gusseisernen Töpfen auf offenen Feuern kochten - "Food for work".
Im DED-Projekt trafen die Herero-Jugendlichen auch mit der 15jährigen Frauke Diekmann zusammen. Die deutschstämmige Tochter von der Nachbarfarm Hamakari half ebenfalls freiwillig mit, die große Gedenkfeier vorzubereiten. Für die Herero ist Hamakari beinahe heiliger Boden, denn genau dort fanden große Teil der blutigen Schlacht vor hundert Jahren statt. Fraukes Vater, Wilhelm Diekmann, hatte sich eine besondere Geste der Versöhnung ausgedacht: Er stellte dem Zentrum einen Hektar seines Farmbodens zur Verfügung. An einer Stelle, wo heute ein Kameldornbaum aus einem mannshohen Termitenhügel wächst, soll dort in einem Jahr eine Statue des Herero-Führers Samuel Maharero aus rotem Waterberg-Sandstein aufgestellt werden.
Text: Almut Hielscher, Entwicklungshelferin beim OCCTC.
Fotos: DED

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