Ländliche Entwicklung in Haiti: DED-Entwicklungshelfer sehen neue Herausforderungen durch das Erdbeben .
Bilder von hilfesuchenden Erdbebenopfern, zerstörten Wohnhäusern, Schulen, Krankenhäusern und Staatsgebäuden insbesondere in Port-au-Prince beherrschten die Medien in den letzten Wochen. Die düstere Prognose von großen Unruhen und Plünderungen hat sich nicht bestätigt, die Disziplin und gegenseitige Unterstützung der Haitianer ist beeindruckend.
Wie sieht es in den ländlichen Gebieten Haitis aus? Flüchtlingsströme, wegfallende Unterstützung durch Familienangehörige aus der Hauptstadt und Fachkräftemangel aufgrund der Migration nach dem Beben zeigen nun auch hier ihre Auswirkungen und stellen die Arbeit des DED vor neue Herausforderungen.

Das Beben stellt die Milchproduktion als alternative Einkommenquelle vor neue Herausforderungen.
Holz und Holzkohle als Einkommensquelle
Holz und Holzkohle gehören in Haiti zu den wichtigsten Einnahmequellen, sie sind wichtige Energielieferanten im ländlichen und städtischen Raum. In der Region Foret de Pins gilt Holz als zweites wichtiges Standbein neben der Landwirtschaft. In Zwischenernteperioden und Notsituationen wird Holz zu Geld gemacht.
Kiefernholz liefert keine hochwertige Holzkohle, daher kommt es zu verstärkter Abholzung auch anderer Bäume, darunter Obstbäume wie Avocado oder Pfirsich. Längerfristige Einkommensquellen werden aufgrund akuter Not vernichtet. Es gibt nur wenige Forstinspekteure, der Staat kommt seiner Aufsichtspflicht nicht nach.
Holzkohle für den haitianischen Markt wird auch illegal im Nachbarland Dominikanische Republik produziert, was zur Verringerung der Waldbestände auf beiden Seiten der Grenze führt und – vor dem Beben – die binationalen Beziehungen belastete. Diese Problematik wird derzeit von der Solidarität in der Nothilfe verdeckt, kann aber wieder dominant werden.
Schutz der natürlichen Ressourcen durch alternative Einkommensquellen
Wald wird gerodet, um Familien zu ernähren. Um diesen Prozess zu stoppen, unterstützt der DED die Bewohner in den Pufferzonen des Foret des Pins und des Parc de la Visite bei der Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten sowie der Stärkung von Netzwerken zum Erhalt der Schutzzonen. Alternative umweltverträgliche Einkommensquellen für die arme bäuerliche Bevölkerung werden geschaffen. Der DED arbeitet mit kleinen haitianischen Stiftungen zusammen. Die Bewohner werden beispielsweise in der Produktion von Honig, der Milchverarbeitung oder im Obstanbau ausgebildet.
In der Region Foret des Pins arbeitet der DED zudem mit einer 3000 Mitglieder zählenden Kaffeekooperative zusammen. Der hier produzierte Kaffee ist von besonderer Qualität und wird nach Japan und Europa zu fairen Preisen exportiert (bis zu 20 USD/kg).
Honig statt Holz - die Bauern in Seguin lernen, wie sie Honig herstellen, um dadurch ein Einkommen zu erzielen.Herausforderungen durch das Beben
Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 hat einen enormen Flüchtlingsstrom in die ländlichen Gebiete Haitisausgelöst, die von dem Beben verschont wurden. Eine halbe Million Erdbebenopfer, die ihr Hab und Gut verloren haben, suchten Zuflucht bei Familienangehörigen auf dem Land. Hier steigt derBedarf an Lebensmitteln, medizinischer Versorgung, Bildungsangeboten, Holzkohle als Brennstoff etc.
Viele Familien im ländlichen Raum wurden zudem vor dem Beben von Angehörigen aus Port-au-Prince finanziell unterstützt. Diese Hilfe fällt nun weg. Ältere Schüler zog es häufig in die Hauptstadt, um hier eine weiterführende Schule oder eine Uni zu besuchen oder eine Berufsausbildung zu machen. Diese Möglichkeiten existieren kaum noch, da Schulen und Unis zerstört sind.
Durch die verstärkte Migration nach dem Beben steigt auch der Mangel an Fachkräften und Kapital auf dem Land. Schon vor dem Beben war gut ausgebildetes Personal knapp und daher teuer. Diese Situation hat sich verschärft.
Auswirkungen am Beispiel der Milchverarbeitung in Foret des Pins
Die von den Bewohnern in der Pufferzone des Foret des Pins verarbeitete Milch wurde über das staatliche Schulkantinenprogramm in der Region vertrieben. Der Wegfall zentralstaatlicher Strukturen durch das Beben hat zur Folge, dass der Staat seinen Verpflichtungen - dem Kauf der Milch - nicht mehr nachkommen kann und damit diese Einkommensquelle für die Bauern wegfällt.
Die DED-Partnerorganisation „Fondation Groupe 73“ mit Sitz in Port-au-Prince, die die Beratungsprogramme für die Bauern und die Organisation der Vermarktung durchgeführt hat, wurde von dem Erdbeben substanziell getroffen. Es ist derzeit nicht abzusehen, ob und wann sie wieder arbeitsfähig sein wird.

Bauern diskutieren, wie sie die natürlichen Ressourcen ihres Landes schützen können.
Wie es weitergeht
Die jeweiligen Kooperationen bestehen seit Sommer 2009 und befinden sich in der Anfangsphase. Bisherige Aktivitäten konzentrierten sich auf den Aufbau von Infrastruktur und Sensibilisierung, die ländliche Bevölkerung hat begonnen, ihr Einkommen durch die Produktion von Milch, Käse, Honig als Alternative zu Holz zu bestreiten.
Durch das Erdbeben steigt nun der Druck auf die natürlichen Ressourcen. Akuter Geldbedarf führt zu kurzfristiger Orientierung statt nachhaltiger Wirtschaftsweise. Ackerfläche wird geschaffen durch steigende Brandrodung. Dadurch werden die noch bestehenden minimalen Waldressourcen (zwei Prozent der Landesfläche, konzentriert auf drei Gebiete) dauerhaft reduziert. Der Druck auf die bestehenden Flächen wird erhöht. Bei solchen mit starker Hangneigung kann es beispielsweise zu verstärkter Erosion und Bodenverlust kommen. Der Staat ist noch weniger präsent als sonst, es ist damit zu rechnen, dass auch die wenigen Forstinspekteure nun nicht mehr bezahlt werden und damit ihre Arbeit aufgeben.
In dieser Situation ist die Förderung der ländlichen Entwicklung wichtiger denn je. Die dargestellten Herausforderungen durch das Beben betreffen das ganze Land. Es gilt, die ländlichen Gebiete nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn sie nicht direkt vom Erdbeben betroffen sind und damit nicht im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit stehen.
Text: Christiane Delfs, Koordinatorin und Katharina Heigl, Entwicklungshelferin Ländliche Entwicklung beim DED in Haiti.
Bilder: DED
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