Lehrstunde in Demokratie.
Ein Land will falschen Wahlkampfversprechen Paroli bieten
"Demokratie ist wie eine junge Pflanze auf dem Feld", erklärt der stattliche Mann an der Tafel, "Man muss hart arbeiten, die Pflanze wässern und pflegen, nur dann kann sie wachsen." Der gelbliche Putz blättert von den Wänden des Klassenraums, alte Männer und junge Mütter drängen sich auf den engen hölzernen Schulbänken. Zwischen Hausfrauen und Bauern sitzen ein paar Jugendliche. Jeff Kabondo lächelt ermutigend. Früher war er Mathelehrer, aber heute unterrichtet er Demokratie in Mchinji, einem kleinen Ort 150 Kilometer von Malawis Hauptstadt Lilongwe entfernt.
Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es hat weder eine eigene Industrie noch nennenswerte Bodenschätze. Die Erträge der Landwirtschaft reichen nur in guten Erntejahren aus, um die Bevölkerung zu versorgen. Oft lassen Dürreperioden oder Überschwemmungen die Menschen hungern. Von den elf Millionen Einwohnern des kleinen Binnenlandes im südlichen Afrika sind mindestens 15 Prozent HIV-positiv, die Lebenserwartung liegt unter vierzig Jahren. Fast die Hälfte der Erwachsenen kann weder lesen noch schreiben. Ein Großteil der Bevölkerung hat keinen Zugang zu den Medien.

Registrierungskarten abkaufen
Am 20. Mai 2004 fanden in Malawi Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Politiker und Parteien nutzten die Unwissenheit der Bürger schamlos aus. Die Dorfbewohner von Mchinji erzählen, wie sie vor den Wahlen eingeschüchtert wurden. Viele hätten nicht gewusst, wie das Wählen funktioniert und sich von den Mitgliedern der Regierungspartei UDF (Vereinte Demokratische Front) die Registrierungskarten abkaufen lassen, so dass sie nicht mehr wahlberechtigt waren. Andere seien verunsichert gewesen, weil Parteimitglieder ihre Karten eingesammelt und gedroht hatten, mittels der Registrierungsnummer die Wahlentscheidung zu überprüfen. Als Jeff Kabondo sagt, dass die Wahlen geheim seien und jeder wählen könne, was er für richtig halte, schütteln einige ungläubig mit den Köpfen. Mchinji ist kein Einzelfall - besonders in den von der Opposition beherrschten Gebieten gehörte die Einschüchterung der Bevölkerung zur inoffiziellen Wahlkampfstrategie der Regierungspartei.
Analphabetismus als Vorteil
"Die Politiker ziehen Vorteile aus dem Analphabetismus der Menschen. Sie sind an einer Aufklärung der Bevölkerung schlicht nicht interessiert", meint Susanne Fischeder, die seit drei Jahren als Entwicklungshelferin des DED im Land ist. Sie koordiniert die Projekte und vernetzt die Partner von NICE (National Initiative for Civic Education), einem Programm zur gesellschaftlichen Bildung, das von der EU (Europäische Union) finanziert und von der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) durchgeführt wird. In jedem der 28 Bezirke von Malawi gibt es ein NICE-Büro mit einer Bibliothek, in der die Menschen umsonst Bücher und Zeitungen lesen können. Eine eigene Zeitung erreicht mit einer vierteljährlichen Auflage von 300.000 Stück eine größere Verbreitung als viele andere Medien in Malawi. Von den Angestellten in den Büros - wie Jeff Kabondo in Mchinji - werden Workshops organisiert, nicht nur zu Demokratisierung, sondern auch zu HIV/AIDS, Gender, Ernährungssicherheit und Umweltschutz.
"Die Politiker ziehen Vorteile aus dem Analphabetismus der Menschen. Sie sind an einer Aufklärung der Bevölkerung schlicht nicht interessiert", meint Susanne Fischeder, die seit drei Jahren als Entwicklungshelferin des DED im Land ist. Sie koordiniert die Projekte und vernetzt die Partner von NICE (National Initiative for Civic Education), einem Programm zur gesellschaftlichen Bildung, das von der EU (Europäische Union) finanziert und von der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) durchgeführt wird. In jedem der 28 Bezirke von Malawi gibt es ein NICE-Büro mit einer Bibliothek, in der die Menschen umsonst Bücher und Zeitungen lesen können. Eine eigene Zeitung erreicht mit einer vierteljährlichen Auflage von 300.000 Stück eine größere Verbreitung als viele andere Medien in Malawi. Von den Angestellten in den Büros - wie Jeff Kabondo in Mchinji - werden Workshops organisiert, nicht nur zu Demokratisierung, sondern auch zu HIV/AIDS, Gender, Ernährungssicherheit und Umweltschutz.
Engagement nur für Bares
Eine aufgeklärte Bevölkerung sieht Susanne Fischeder als Basis, die Teilnahme am öffentlichen Leben und die Kritikfähigkeit der Menschen als Schlüssel für den Demokratisierungsprozess. In Malawi wächst die Zivilgesellschaft nur langsam. Die meisten Nichtregierungsorganisationen sind nur gegründet worden, um Geld von den Gebern zu bekommen. Dasselbe gilt für viele ihrer Mitarbeiter: Sie engagieren sich nur für Bares. Für sie ist Demokratie ein Zauberwort, das Geld und Wohlstand verspricht. NICE hat einen anderen Ansatz. Hauptsächlich wird mit Freiwilligen gearbeitet. Sie erhalten ein T-Shirt für ihr Engagement und ein Zertifikat, wenn sie an einem Seminar teilgenommen haben. Statt der üblichen Aufwandsentschädigung wird eine große gemeinsame Mahlzeit spendiert. Mittlerweile ist das Projekt landesweit bekannt. Die T-Shirts sind zu Prestige-Objekten geworden, und die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter wächst. Auch in Mchinji haben einige gefragt, ob sie bei der Organisation des nächsten Seminars mithelfen können.
Eine aufgeklärte Bevölkerung sieht Susanne Fischeder als Basis, die Teilnahme am öffentlichen Leben und die Kritikfähigkeit der Menschen als Schlüssel für den Demokratisierungsprozess. In Malawi wächst die Zivilgesellschaft nur langsam. Die meisten Nichtregierungsorganisationen sind nur gegründet worden, um Geld von den Gebern zu bekommen. Dasselbe gilt für viele ihrer Mitarbeiter: Sie engagieren sich nur für Bares. Für sie ist Demokratie ein Zauberwort, das Geld und Wohlstand verspricht. NICE hat einen anderen Ansatz. Hauptsächlich wird mit Freiwilligen gearbeitet. Sie erhalten ein T-Shirt für ihr Engagement und ein Zertifikat, wenn sie an einem Seminar teilgenommen haben. Statt der üblichen Aufwandsentschädigung wird eine große gemeinsame Mahlzeit spendiert. Mittlerweile ist das Projekt landesweit bekannt. Die T-Shirts sind zu Prestige-Objekten geworden, und die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter wächst. Auch in Mchinji haben einige gefragt, ob sie bei der Organisation des nächsten Seminars mithelfen können.
Politik mitbestimmen
"Demokratie gibt uns die Möglichkeit, die Politik mitzubestimmen", schreibt ein Mädchen mit Schönschrift an die Tafel. Jeff Kabondo nickt ihr zu. Die Dorfgemeinschaft ist sich einig, dass sie die Wahlkampfversprechen von den Politikern einfordern und dafür sorgen will, dass die neue Krankenstation wirklich gebaut und die Schule renoviert wird. In Mchinji ist der Boden für das Pflänzchen Demokratie aufbereitet.
"Demokratie gibt uns die Möglichkeit, die Politik mitzubestimmen", schreibt ein Mädchen mit Schönschrift an die Tafel. Jeff Kabondo nickt ihr zu. Die Dorfgemeinschaft ist sich einig, dass sie die Wahlkampfversprechen von den Politikern einfordern und dafür sorgen will, dass die neue Krankenstation wirklich gebaut und die Schule renoviert wird. In Mchinji ist der Boden für das Pflänzchen Demokratie aufbereitet.
Text und Fotos: Ellen Prowe
(Ethnologin, freie Journalistin mit Schwerpunkt Ost- und südliches Afrika in Hamburg)
Die ungekürzte Fassung des Artikels finden Sie im DED-Brief 3/2004 "Qualität und Wirkung", Seite 4




