Erste Entwicklungshelfer in den palästinensischen Gebieten.
Palästina? Israel? Besetzte Gebiete? Oder einfach nur "territories"? Wo arbeiten Sie, werden die vier ersten DED-Fachkräfte, die seit Anfang Juni in (ja wo? siehe oben) immer wieder gefragt. Wenn die Zöllner bei der Ankunft in Tel Aviv diese Frage stellen und man an den Falschen/Richtigen gerät, kann die "falsche" oder "richtige" Antwort darüber entscheiden, ob man durchgewunken oder schon mal zwei oder drei Stunden aufgehalten, befragt, gefilzt wird. Viele Israelis verstehen nicht, dass man in "Palästina" arbeitet: "Das gibt es doch gar nicht!"
Wird dieselbe Frage im mehrheitlich palästinensisch bewohnten Osten Jerusalems, in Ramallah oder Bethlehem gestellt, wo die ersten vier DED-Leute arbeiten und wohnen, "falsch" (oder "richtig") beantwortet, kann leicht Misstrauen aufkommen. Auf wessen Seite stehen Sie? "Dies ist unser Land, das künftige Palästina."
Die Lebensbedingungen der Menschen in den palästinensischen Gebieten verbessern. Dafür engagieren sich die DEDler seit Juni. Zwei der Entwicklungshelfer beraten Nichtregierungsorganisationen, die sich für den Frieden in Nahost einsetzen, zwei arbeiten in der Abwasser- und Abfallentsorgung.
Die DED-Fachkräfte müssen nicht nur über hohe fachliche und soziale Kompetenz verfügen. Sie müssen darüber hinaus in der Lage sein, sich in einem "Stressumfeld" zu bewegen, unter dem Palästinenser wie Israelis leiden.
Stress? Das fing schon früh an. Wer sich beim DED beworben hatte, wusste nicht genau, wann er ausreisen würde. Der Irak-Krieg verschob den Ausreisetermin noch einmal. Dann war man endlich dort, wo man zwei Jahre oder länger arbeiten würde. Wenige Stunden später: Vier israelische Soldaten werden erschossen, Raketenangriff auf einen Hamas-Fuehrer in Gaza, 16 Tote in der Jaffa-Street in Jerusalem. Die DED-Entwicklungshelfer waren vom Ort in der Jaffa-Street nicht sehr weit entfernt.
Der Alltag: Wenn man von Ramallah nach Jerusalem will, 19 Kilometer, sieht das so aus: Mit dem Sammeltaxi, dem einzigen öffentlichen Verkehrsmittel, zum militärischen Checkpoint, der den Zugang nach Ramallah kontrolliert (manche sagen: wie Checkpoint Charlie in Berlin), raus aus dem Sammeltaxi, das nicht über den Checkpoint fährt, Betonsperren, Einreihen in die Warteschlange, vier, sechs, acht Soldaten mit schussbereiten Maschinenpistolen, Kontrolle von Gepäck und Papieren, zu Fuß über den Checkpoint, hinter dem Checkpoint erneut ins Sammeltaxi drei Kilometer bis zum nächsten Checkpoint, der die Westbank von Jerusalem trennt, wieder Schlangen, wieder Maschinenpistolen, wieder Kontrollen, wieder zu Fuß über den Checkpoint, wieder ins Sammeltaxi… Für die 19 Kilometer braucht man eine Stunde, oft auch zwei - oder länger. Das kann nerven. Abends dann wieder dasselbe in der Gegenrichtung. Stress? Wer damit nicht klar kommt, ist fehl am Platz...
Text: DED/Peter Röhrig, Landesdirektor Palästinensische Gebiete (Juni 2003)


